Stellungnahme zu den geplanten ABC-Klassen im Rahmen des 18. Schulrechtsänderungsgesetzes
Die Landeselternschaft der Grundschulen Nordrhein-Westfalen lehnt die Einführung verpflichtender schulischer Vorkurse (sogenannter ABC-Klassen) für Kinder im Jahr vor der Einschulung ab. Wir unterstützen ausdrücklich die inhaltliche Position des Progressiven Eltern- und Erzieher*innen-Verbandes NRW und teilen die dort formulierte grundsätzliche Bewertung, dass frühe Sprachförderung nicht in zusätzlichen schulischen Strukturen, sondern konsequent in Kita und Familie verankert werden muss.
Aus Eltern- und insbesondere aus Kindersicht steht das Wohl des einzelnen Kindes im Mittelpunkt. Kinder im
Vorschulalter benötigen stabile Beziehungen, vertraute Bezugspersonen und verlässliche Alltagsstrukturen. Die geplanten ABC-Klassen verlagern Sprachförderung aus diesen bewährten Lebenswelten in verschulte, zeitlich begrenzte Parallelstrukturen und schaffen zusätzliche Übergänge kurz vor der Einschulung. Diese zusätzlichen Brüche sind pädagogisch nicht begründbar und bergen die Gefahr von Verunsicherung, Stigmatisierung und Überforderung junger Kinder.
Die gesetzlich vorgesehene Kopplung von Sprachstandsfeststellungen an eine verpflichtende Teilnahme an
schulischen Vorkursen folgt einer defizitorientierten Logik. Punktuelle Screenings werden der Komplexität
kindlicher Sprachentwicklung nicht gerecht und reduzieren Kinder auf vermeintliche Defizite. Mehrsprachigkeit, individuelle Entwicklungsverläufe und vorhandene Ressourcen bleiben unberücksichtigt. Sprachliche Kompetenz entsteht jedoch nachhaltig im Alltag, im Spiel und in stabilen Beziehungen – also genau dort, wo Kindertageseinrichtungen gemeinsam mit Familien bereits heute wirksam arbeiten. Diese alltagsintegrierte Sprachbildung wird durch die geplanten Regelungen nicht gestärkt, sondern faktisch entwertet.
Besonders kritisch bewerten wir den verpflichtenden Charakter der vorgesehenen Maßnahmen. Die
Pflichtteilnahme ohne aufschiebende Wirkung von Rechtsmitteln greift tief in den Familienalltag ein und setzt auf staatliche Steuerung und Sanktionierung statt auf Vertrauen, Unterstützung und Kooperation. Eltern brauchen Beratung und verlässliche Angebote, keine Ordnungswidrigkeitenandrohungen. Eine gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft entsteht nur auf Augenhöhe und nicht durch Druck.
Darüber hinaus verschärfen die geplanten ABC-Klassen bestehende strukturelle Probleme im Bildungssystem. Grundschulen und Lehrkräfte sind bereits heute erheblich belastet. Die Verlagerung zusätzlicher Aufgaben in den Vorschulbereich bindet Personal, Räume, Zeit und finanzielle Mittel, die an anderer Stelle dringend benötigt werden. Aus Elternsicht ist nicht nachvollziehbar, warum erhebliche Ressourcen in Transport, Verwaltung und neue Kursstrukturen investiert werden sollen, während Kindertageseinrichtungen seit Jahren unter Fachkräftemangel, Zeitdruck und unzureichenden Rahmenbedingungen leiden.
Wir fordern daher eine klare bildungspolitische Neuausrichtung. Sprachförderung muss präventiv,
lebensweltorientiert und alltagsintegriert erfolgen. Notwendig sind gezielte Investitionen in gut ausgestattete
Kindertageseinrichtungen, in PlusKitas, in verbesserte Fachkraft-Kind-Relationen, in ausreichende
Verfügungszeiten für Beobachtung, Dokumentation und Elternarbeit sowie in niedrigschwellige
familienunterstützende Angebote. Ein Euro, der hier eingesetzt wird, wirkt nachhaltiger als jeder Euro in
verpflichtenden Vorkursen kurz vor der Einschulung.
Die Landeselternschaft der Grundschulen Nordrhein-Westfalen appelliert an den Gesetzgeber, die Perspektive der Kinder und ihrer Familien ernst zu nehmen und die Pläne für verpflichtende schulische Vorkurse zurückzunehmen. Eine zukunftsfähige Sprachbildungspolitik stärkt die Orte, an denen Kinder täglich lernen und leben, und setzt auf Prävention, Kooperation und Vertrauen statt auf zusätzliche Pflichtverfahren.
Hier finden Sie unsere Stellungnahme in der vollständigen Fassung.


